Shaping the future of animal health
Deutschland

Das Jungtierfenster und die Risikoabschätzung


Das Jungtierfenster erlaubt eine grobe Einschätzung des finanziellen Bestandsrisikos, falls es zu einer BVD-Virus-Einschleppung in den Bestand kommt. Gerade diese Prognose ist eine wichtige Entscheidungshilfe für oder gegen die Durchführung von Impfmaßnahmen. Allgemein gilt: Je empfänglicher ein Bestand ist, d.h. je größer der Herdenanteil von Tieren ist, die keine den Fetus schützende Immunität aufweisen, desto größer werden die Verluste bei einer Viruseinschleppung sein. Untersuchungen in NRW bestätigten, dass der Prozentsatz Antikörper tragender Jungtiere im Jungtierfenster den Anteil Antikörper aufweisender Zuchttiere einer Herde abschätzen lässt. Nach einem Berechnungsmodell von G. Wolf, das an der Universität in München entwickelt wurde, lässt sich entsprechend der Abb. 2 das finanzielle Risiko eines Betriebes anhand des Ergebnisses des Jungtierfensters überschlagen. Dieses Risiko gilt es, durch geeignete Impfstrategien zu minimieren. Da über 90 % der finanziellen BVD-Verluste durch Infektionen der Zuchttiere in den verschiedenen Phasen der Trächtigkeit entstehen, sollten vor allem die Zuchttiere so geimpft werden, dass es nicht zu fetalen Infektionen kommen kann.


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Die Impfstoffe


Für moderne Bestandssanierungsverfahren sowie auch in den BVD-Bundesleitlinien wird von Impfstoffen der fetale Schutz verlangt (strategische Zuchttierimpfung). Bisher gibt es jedoch nur zwei Impfstoffe (Fa. Intervet, Fa. Virbac), für die tatsächlich wissenschaftlich abgesicherte Daten zum fetalen Schutz bestehen. Beide Impfstoffe verfügen über eine Zulassung für dieses Anwendungsgebiet und ein darauf jeweils abgestimmtes Impfschema. Beide Impfstoffe waren zum Zeitpunkt des Erscheinens der BVD-Bundesleitlinien (1998) noch nicht in Deutschland zugelassen. Es hat sich seitdem also einiges verändert. Zum Beispiel lassen sich seit kurzem auch mit einem modernen inaktivierten Impfstoff allein, ohne die üblichen Restrisiken der Lebendimpfstoffe, sehr hohe Antikörperspiegel erreichen. Moderne Adjuvantien (Immunstimulantien wie Quil A), die Impfstoffen beigegeben werden, um die Immunantwort zu verstärken, sorgen nicht nur für hohe Antikörperspiegel, sondern mobilisieren auch die so genannte zelluläre Immunabwehr. Die somit erreichte komplexe Immunität lässt inaktivierte BVD-Impfstoffe („Totimpfstoffe”) nicht mehr nur als sichere Alternative zu Lebendimpfstoffen sehen, sondern könnte in punkto Leistungsfähigkeit ein fortschrittlicher Ersatz sein. Die vorhandenen Preisunterschiede der technisch aufwendigeren Inaktivatimpfstoffe wirken sich natürlich auch auf den späteren Impfpreis aus. Dennoch stehen Impfungen mit fetalem Schutz in einem sehr guten Kosten-Nutzen-Verhältnis zu den durchschnittlichen finanziellen BVD-Verlusten von ca. 46,– DM je Abkalbung.
 

Die Rolle der Impfung richtig einschätzen


Die strategische Zuchttierimpfung mit fetalem Schutz muss als nur eines der Werkzeuge in der BVD-Bekämpfung verstanden werden. Die Impfungen verhindern die Entstehung von Dauerausscheidern im eigenen Bestand. Der unkontrollierte Zukauf von Dauerausscheidern aus anderen Beständen unterläuft aber das Ziel der Virusverdrängung durch Impfung. Solange dies durch ein angepasstes Betriebsmanagement nicht ausgeschlossen werden kann, sollte kein Betrieb die Zuchttierimpfung mit fetalem Schutz absetzen. Die Wahrscheinlichkeit, einen Dauerausscheider zu erwerben, ist bei den bisherigen Handelsbedingungen noch sehr hoch. Selbst der, der nur Tiere verkauft, lebt nicht ungefährlich: Tiere, die nicht verkauft wurden, dürfen unter keinen Umständen wieder gleich direkt in den Betrieb gelangen. Ungeimpfte Tiere können sich auf Auktionen infizieren und die Virusvermehrungsphase (Virämie) im Heimatstall durchmachen. Sollten sie tragend gewesen sein, hilft die sonst sehr begrüßenswerte Quarantäne von 2–3 Wochen hier sehr wenig, weil mit dem Abkalben nach weiteren 6 Monaten vielleicht ein Dauerausscheider geboren wird („Trojanische Kuh“). Die BVD-Gefahr auf Auktionen ist z. Z. noch sehr hoch. Jedes 100ste Tier ist statistisch ein Dauerausscheider. Bei manchmal 300–400 aufgetriebenen Tieren sind dies 3–4 PI-Tiere, die während einer Auktion so viel BVD-Virus ausscheiden können, dass damit die gesamte Kuhpopulation Deutschlands infiziert werden könnte. Aber auch innerhalb eines Bestandes können Dauerausscheider trotz Impfungen mit fetalem Schutz neu entstehen. Grund ist die Bildung von so genannten „Dauerausscheider-Familien“. Immer häufiger werden mittlerweile Kühe angetroffen, die selbst Dauerausscheider sind, aber sich einer guten Fruchtbarkeit erfreuen (Foto 2). Jedes Kalb solcher Tiere ist selbst wieder ein Dauerausscheider, ohne dass die Impfungen daran etwas ändern könnten. Werden die Impfmaßnahmen hier einfach abgesetzt, kann sich das BVD-Geschehen wie bei Betrieben, die meinten, die Impfung bereits nach 2–3 Jahren absetzen zu können, gleichermaßen wieder aufschaukeln.


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Foto 2: Jeder zweite Dauerausscheider (PI-Tier) ist klinisch unauffällig, wie die Färse in der Mitte
(Foto: Thierauf, München)

 

Wann können die Impfungen abgesetzt werden?


Die Impfmaßnahmen können theoretisch erst abgesetzt werden, wenn sicher gewährleistet ist, dass eine BVD-Viruseinschleppung nicht mehr möglich ist und alle „alten“ Dauerausscheider den Betrieb verlassen haben. Mit anderen Worten: z. Z. ist das Aussetzen der Impfungen nicht empfehlenswert. Nicht die Impfkosten, nicht die vermeintlich erfolgreiche Dauerausscheidersuche, nicht der betreuende Tierarzt bestimmen das Ende der Impfmaßnahmen, sondern allein die Betriebssituation, Neueinschleppungen durch geeignete Hygienemaßnahmen sicher vermeiden zu können. Die Impfmaßnahmen stellen eine Absicherung fehlgeschlagener Hygienemaßnahmen oder übersehener Dauerausscheider dar. Gerade Betriebe, die erfolgreich saniert haben und seit den letzten 2–3 Jahren keine Virusquellen im Bestand mehr hatten, hängen mit ihrer „Herdenimmunität“ nur noch an den Impfungen. Werden diese Impfungen eingestellt, verdünnen die BVD-naiv aufgewachsenen Zutreter diesen Immunstatus. Je nach Remontierungsrate entsteht dadurch wieder ein weitgehend empfänglicher Tierbestand im Laufe der Zeit (BVD-Freiheit). Bei einer erneuten BVD-Viruseinschleppung käme es wieder zu hohen Verlusten (s. Abb. 2). Werden die Impfkosten pro Kuh und Jahr von etwa 15,– DM (bei z. B. 1,3 Impfungen je Kuh/Jahr) den durchschnittlichen Verlusten von 46,– DM pro Abkalbung gegenübergestellt, erscheinen die finanziellen Aufwendungen zweifelsohne routinetauglich.



Anschrift des Autors:
Dr. med. vet. Klaus Teich, virbac Tierarzneimittel GmbH, Rögen 20, 23843 Bad Oldesloe


Sonderdruck aus Milchpraxis 1/2001