Shaping the future of animal health
Deutschland

Die Legende von der „Transportrausche"


Remontierungsraten von ca. 50 % bedeuten, dass rund 1/4 jeder Sauengruppe im Belegungsstall aus Jungsauen, d.h. aus neuen „Gruppenmitgliedern" besteht. Für ein konsequentes Batch Management ist es daher erforderlich bereits die Jung­sauen in kontrollierter, geplanter Form in die Altsauengruppe einzugliedern. Die Altsauenrauschen treten durch das Absetzen und eine nach­folgend gute Rauschestimulation sehr synchron auf und erlauben damit etwa 75 % der Sauen einer Belegungsgruppe in etwa 2 Tagen zu besamen. Anders die Jungsauenrauschen: Innerhalb des Jungsauenpools gibt es keinen gruppeneinheitlichen „Startpunkt" für das Eintreten der Pubertätsrausche (1. Zyklus). Bis zu 16% der Jungsauen sind bis zum 240. Lebenstag noch nicht zyklisch (Schulte, 2005). Die oftmals als Pubertätsrausche fehlinterpre­tierte Transportrausche erweist sich in vielen Fällen lediglich als stressinduziertes „Anlaufen eines Zyklus". Nach Glei und Schlegel (1988) zeigten die Jungsauen am Ende dieser „Scheinrausche" oft keine Ovulation (anovulatorische Rausche). Ohne Ovulation, kein Gelbkörper; ohne Gelbkörper kein zyklisches Rauschegeschehen. D.h. solche Jungsauen sind trotz vielleicht synchroner „Transportrausche-Anzeichen" nicht in einem einheitlichen Takt. Dass sie 3 Wochen später eine fertile, d.h. besamungswerte Rausche zeigen werden, ist reine Glückssache. Allein aus diesem Grund drängt sich eine kontrollierte Eingliederungsphase mit Isolation und Akklimatisation auf. Bis zu ihrer endgültigen Eingliederung harmonisiert sich das Zyklusgeschehen auch nicht selbstständig. Beispielhaft soll die Wochenarbeitszeitverteilung aller Besamun­gen eines 200 Sauen-Betriebes dienen: Im Gegensatz zu den Altsauenbelegungen verteilen sich die Jungsauenbelegungen über die gesamte Kalenderwoche (siehe Abb. 3), so dass >80 % der Jungsauenbesamungen an den Wochentagen Mittwoch bis Sonntag durchgeführt werden.
 

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Abb. 3: Die Verteilung von Belegungen auf die Wochentage (SVIFT, 2009)

Dargestellt ist die Anzahl aller Besamungen pro Wochentag eines 200 Sauen-Betriebes getrennt nach Jung- und Altsauenbelegun­gen über einen Auswertungszeitraumes von 52 KW. Hintergrund war eine mit ca. 17 % mehr als doppelt so hohe Umrauschquote der Jungsauen im Vergleich zu den Altsauen mit 6,7 %. Es wurde festgestellt, dass für die häufigen Jungsauen-Belegungen zwischen Mittwoch und Sonntag eine weniger intensive Rau­schestimulation und -kontrolle durchgeführt wurde. Empfehlung zur Jungsauen-Eingliederung mit Rausche-Synchronisation durch Altrenogest.

Synchrone Rauschen = Synchrone Abferkelungen = Flatdeck-Infektionsprophylaxe


Ganzwöchige Jungsauenbelegungen bedeuten auch, dass ca. 25 % einer Sauengruppe auch ganz-wöchig abferkeln. Neben einer permanenten Unruhe im Abferkelstall sowie pausenlos notwendiger Geburtenüberwachung, bereitet ein solches System auch infektionsbiologische Risiken für die Sauengruppe. Innerhalb der Abferkelgruppe variiert das Lebensalter der Ferkel um bis zu eine Woche. Die maternale Immunität der Ferkel und mit ihr der Infektionsdruck schwankt dadurch sehr stark zwischen den Würfen und erlaubt einen „Pingpong-Effekt" im Abferkelstall. Vor allem PRRSV, PCV-2 und Mycoplasma hyopneumoniae-Infektionen erhalten dadurch immer wieder einen Anstoß sich im Bestand halten zu können und bei ungünstigen Co-Faktoren auch einmal aufschaukeln zu können. Bei 3-wöchiger Laktation, ist ein Großteil der Absetzer (vor allem die von Jungsauen) nur 16-18 Tage alt. Auf dem Flatdeck werden dadurch Ferkel unter­schiedlicher Infektions-Abwehr-Balance zusammengebracht. Die ohnehin unterschiedlich großen Ferkel, wachsen dadurch weiter auseinander.

Batch Management-Hilfe Altrenogest


Mit Hilfe einer 18-tägigen Altrenogest-Gabe (z.B. Virbagest®, Virbac) über das Futter (siehe Foto 1) oder das Drenchen direkt ins Maul der Jungsauen (siehe Foto 2), lassen sich die Jungsauenzyklen ohne zusätzlichen Kontrollaufwand exakt an die Rauschen der Altsauen zeitlich anpassen (siehe Abb. 4). Damit lassen sich alle Belegungen in einem engen Zeitfenster zu Wochenbeginn und alle Abferkelungen, unterstützt durch Geburtseinleitungen ab dem 113. Tag nach letzter KB mit PGF-2α (z.B. Cyclix® Porcine, Virbac) am Ende der Arbeitswoche konzentrieren. Neben den arbeitsorganisatorischen Vorteilen, Arbeitsschritte bündeln und damit intensiver sowie effizienter betreuen zu können, sind die Wurfgrößen Altrenogest gesteuerter Jungsauenrauschen um ca. ½ Ferkel größer (Rebound Effekt).

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Abb. 4: Das Synchronisieren der Rauschen von Jung- und Altsauen zur Belegung und die darauf abgestellte Geburtensynchronisa­tion.

Die Jungsauenzyklen lassen sich ohne zusätzlichen Kontrollauf­wand exakt an die Rauschen der Altsauen zeitlich anpassen. Dazu wird die letzte Altrenogest-Gabe 24 Stunden vor dem Absetzen der Ferkel von den Altsauen gegeben. Erfolgt dies am Mittwoch einer Woche, ist ab Sonntag mit den ersten Rauschen zu rech­nen. Ziel ist es, alle notwendigen Besamungen bis Mittwoch durchgeführt zu haben. 113 Tage nach der letzten Besamung kann die PGF-2α-Gabe ohne die Gefahr zu kleiner Ferkel erfolgen. Eine Behandlung aller Sauen der Abferkelgruppe, die bis Mittwochabend keine Anzeichen einer beginnenden Geburt zeigen, lässt die Abferkelungen großenteils am Donnerstag über Tag und bis spätestens Freitagabend abschließen.

Aber nicht nur die Jungsauenwürfe sind größer. Das gestraffte Management führt insgesamt zu einer höheren Herdenleistung über die verschiedenen Laktationen hinweg. Dies veranschauli­chen Vergleichsuntersuchungen französischer Betriebe mit und ohne Rauschesynchronisation bei den Jungsauen (siehe Abb. 5).

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Abb. 5: Vergleich der Wurfleistungen von Betrieben mit und ohne Altrenogest-Einsatz.

Dargestellt sind die nach Laktationsnummer getrennt ausgewerteten Wurfleis­tungen von Betrieben, die die Eingliederung der Jungsauen routinemäßig mit Altrenogest zur Rausche-Synchronisation (Progestagen) und ohne (Kontrolle) vorgenommen haben (Meissonier et al., 2006).
 

Die neuen Möglichkeiten des Altrenogest-Drenchens der Jung­sauen lösen die bisherigen Dosierungsprobleme Jungsauen in der Gruppenhaltung synchronisieren zu können (www.virbac.de). Positiver Nebeneffekt ist die intensive Gewöhnung der Tiere an ihren Betreuer. Dies erleichtert das spätere Besamen, da die Jung­sauen weniger gestresst sind und sich dadurch ungestörter auf den Stimulationseber konzentrieren. Gerade bei der duldungsorientierten KB erhöht dies den Besamungserfolg.

Batch Management erhöht die Effizienz von Impfunggen und Behandlungen


Ein straffes Batch Management bietet nicht nur einen hohen prophylaktischen Infektionsschutz, sondern erlaubt zudem effizi­entere Impfschemata und gezielte metaphylaktische Behandlun­gen. Eine epidemiologisch einheitliche Sauengruppe „schwingt nach Impfungen in einem weitgehend gleichen immunologischen Takt". D.h., die Abwehrbereitschaft der Einzeltiere entspricht weitgehend der, der gesamten Gruppe. Diese Gleichförmig­keit lässt Belastungssituationen (z.B. Umstallungen) in Perioden legen, von denen bekannt ist, dass die Gruppe überwiegend bereits über eine belastungsfähige Immunität verfügt.

Gleiches gilt für antibiotische Behandlungen. Antibiotika hemmen die Vermehrung von Bakterien. Damit erhält die körpereigene Abwehr die notwendige Zeit, die betreffenden Erreger zu reduzie­ren oder sogar zu eliminieren. In epidemiologisch uneinheitlichen Gruppen befinden sich die Sauen in unterschiedlichen Phasen der Infektion (siehe Abb. 6). Dies macht oft lange Behandlungsinter­valle notwendig, um die Infektionsstatusunterschiede der Einzel­tiere vollständig abzudecken. Ein vorzeitiges Behandlungsende würde bei Einzeltieren Erreger „übrig lassen". Diese wären dann erneut Quelle von Neuinfektionen zuvor erfolgreich behandel­ter Gruppenmitglieder („Pingpong-Effekt"). In einem straffen Batch Management mit epidemiologisch weitgehend einheitli­chen Gruppen, lassen sich hingegen kurze Behandlungsintervalle gezielt in Phasen eines bereits erhöhten oder erwarteten Infekti­onsdruckes effizient einpassen (Tab. 2).

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Abb. 6: Schematische Darstellung zur Auswirkung der Länge von metaphylaktischen Behandlungsintervallen auf das Infektionsgeschehen innerhalb von Tiergruppen.

Die Entwicklung der tierindividuell ausgeschiedenen Erregermengen ist schema­tisch über den Zeitverlauf (Infektionszyklus) dargestellt. Epidemiologisch unein­heitliche Sauengruppen zeigen tierindividuell unterschiedlich lange Infektionszy­klen. Metaphylaktische Behandlungen müssen so lange durchgeführt werden, dass möglichst auch der „letzte" Infektionszyklus abgeschlossen ist und keine Erregerausscheidung mehr stattfindet. Nur so wird sichergestellt, dass es nicht zur Erregerweitergabe und der Initiierung neuer Infektionszyklen kommt.


 

Erreger Ziel

Gruppe/Ort der Behandlung

Behandlungszeitraum

Dosierung*

Bemerkungen
 Leptospiren Reduktion des Einschleppungsrisikos (Reduktion der Dauerausscheider)

JS/Akklimatisationsstall
Ende dieser Phase
14 Tage (10 mg/kg KGW/d)

Vorher „Lepto-Check" ***, um Herkünfte zu testen
 Leptospiren Kontrolle des Infektionsdruckes (Reduktion der Dauerausscheider)

Sauen/Wartestall beliebig
14 Tage (10 mg/kg KGW/d)

 
 Chlamydia suis Reduktion der Umrauscherrate (Kontrolle des Infektionsdruckes)

AS+JS/Belegungsstall
sobald eingestallt
14 Tage (10 mg/kg KGW/d)

 

 Mycoplasma
 suis

 (Eperythrozoon)

Reduktion der Blutbefalls Reduktion der Übertragung auf die Saugferkel
Verhinderung der Sauen-Zusammenbrüche 7-10 Tage p.p

Sauen/Abferkelstall 7 Tage a.p. - 7 Tage p.p. 14 Tage (10 mg/kg KGW/d)  
 Lawsonia
 intracellularis
Reduktion des Einschleppungsrisikos + Reduktion klinischer Darmschleimhautschäden

JS/Akklimalisationsstall
Ende dieser Phase
14 Tage (10 mg/kg KGW/d)

 

 E coli
 Chlamydophila
 spp.* u.a.
 Erreger

Reduktion der MMA-Erkrankungsrate Reduktion von Harnwegsinfektionen

Sauen/Abferkelstall
7 Tage a.p.- 7 Tage p.p. 14 Tage (10 mg/kg KGW/d)

Bei MMA-Erkrankungsraten

> 8%

 APP Klinischer Schutz der Jungsauen bei der Eingliederung

JS
7 Tage vor Ende der Akklimalisationsphase bis 7 Tage nach Eingliederung im Belegungsstall 14Taqe (10mq/kg KGW/d)

Zusätzlich zur APP-lmpfung der Jungsauen

 

JS = Jungsau; AS = Altsau; a.p. = ante partum (vor der Geburt); p.p. = post partum (nach der Geburt)
* Angaben in Menge Wirkstoff pro kg Körpergewicht (KGW) und pro Tag (d)
** Subspezies = verschiedene Unterarten
*** Lepto-Check ist ein kostenfreies Unlersuchungsprogramm von IVD (Hannover) und Virbac (Bad Oldesloe): mehr Informationen unter www.virbac de

 

Doxycyclin erfasst verschiedene Infektionserreger parallel


Generell wirksam sind Präparate aus der Wirkstoffgruppe der Tetracycline. Hierzu zählt auch Doxycyclin (Pulmodox®, Virbac), ein halbsynthetisches Tetracyclin, das aufgrund seiner höheren Lipophylie (Fettlöslichkeit) gezielt für die orale Behandlung entwi­ckelt wurde (Rivere und Spoo, 1995). Es wird um einen vielfach höheren Prozentsatz im Magen-Darmtrakt resorbiert als die klassischen Tetracycline (Aronson, 1980). Es werden daher nur geringe Wirkstoffmengen benötigt, so dass die Futteraufnahme der Sauen nicht beeinflusst wird (Teich und Latell, 2008). Auch die mit der Gülle ausgeschiedenen Mengen sind dadurch ebenfalls um ein Vielfaches geringer und zudem mikrobiologisch inaktiv, was die generelle Rückstands- und Resistenzproblematik beim Einsatz von Antibiotika günstig beeinflusst.

Die höhere Lipophylie von Doxycyclin führt vor allem zu einer höheren Wirksamkeit gegenüber intrazellulär parasitierenden Erregern (Mycoplasmen (inkl. Eperythrozoon), Chlamydien, Lawsonien). Die Wirkstoffanreicherung im Gewebe und auf den Schleimhäuten lässt die notwendigen Hemmkonzentrationen für APP, Chlamydien und Bordetellen sicher übersteigen. Die renale Ausscheidung über den Harn lässt auch Harnwegsinfektionen (E.coli) sowie Leptospiren im sonst schwer zugänglichen Nieren­gewebe erreichen (Teich und Latell, 2008). Das breit wirksame Tetracyclin deckt daher verschiedene Krankheitserreger parallel ab, so dass durch eine geschickte Wahl des Einsatzzeitpunktes bei produktionsorientierten Behandlungen mit einer Medikation zeitgleich verschiedene Gesundheitsprobleme erfasst werden
(Schlüter, 2004; Kyriakis et al., 2002; Thacker und Bilkei, 2006; Teich und Latell, 2008; Stracke, 2009).
 

Literatur beim Verfasser
 

Dr. Martin Petzold
Zeitzer Str. 9b
08451 Crimmitschau
martin.petzold@gmx.net